von Alexandra Nazarenko, Jonathan Werner und Hansjörg Rüthel
Immer umfangreichere Kontrollen sollen verhindern, dass Schülerinnen und Schüler mit KI betrügen. Doch was wäre, wenn Lehrer ihren Schülern stattdessen vertrauten? Und das in der Schulaufgabe! Ernsthaft? Könnte das funktionieren?
Ausgehend von dieser ungewöhnlichen Frage entwickelt sich ein Gespräch über Ehrlichkeit, Verantwortung, Bildung und das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern. Entstanden ist kein Streitgespräch, sondern ein gemeinsames Nachdenken über die Frage, was Schule sein kann – und vielleicht sein sollte.
Die Idee für das folgende Gespräch entstand nach einer Schulaufgabe in der Q12. Es fand am Dienstag, 22. Juni 2026 bei uns in der Schule statt. Ihr könnt es hier hören oder im Folgenden lesen.
Die Textfassung wurde für bessere Lesbarkeit und Verständlichkeit sprachlich leicht redigiert. Dabei kam ebenso wie bei der Erstellung der Bilder auch KI zum Einsatz. Inhalt, Argumentation und Reihenfolge der Gedanken wurden nicht verändert. Um die Übersichtlichkeit zu verbessern, ist das eigentlich zusammenhängende Interview unterteilt. Sinnvoll ist es dennoch im Zusammenhang zu lesen.
Hansjörg Rüthel
Wir führen heute ein ungewöhnliches Gespräch zwischen Lehrern und Schülern. Anlass ist eine Situation, die vermutlich jeder aus der Oberstufe kennt.
Zwölfte Klasse. Schulaufgabe in PuG. Wir beginnen wie immer: Die Tische werden auseinandergeschoben, Materialien sortiert, schulfremde Gegenstände entfernt, Handys weggeräumt, Jacken ausgezogen und die Taschen vor die Tische gestellt. Schließlich kommen sogar noch die berüchtigten Trennwände zum Einsatz, damit möglichst jede Form des Abschreibens verhindert wird.
In genau dieser Situation, die wir alle schon unzählige Male erlebt haben, überkam mich plötzlich eine große Unlust das Ganze weiterzutreiben, ein Gefühl des Überdrusses. Ich fragte mich: Was machen wir hier eigentlich?
Diese Frage erscheint mir heute wichtiger denn je. Wir erleben gerade eine KI-Revolution. Dadurch wachsen die Möglichkeiten des Unterschleifs erheblich. KI ist eine völlig andere Kategorie als frühere Spickzettel oder ein kurzer Blick zum Nachbarn.
Gleichzeitig wachsen aber auch die Gegenmaßnahmen. Wir versuchen mit immer umfangreicheren Kontrollen dagegen vorzugehen. Schule wird dadurch zunehmend ungemütlicher. Ich fürchte, wir geraten in eine Eskalationsspirale. Im Bayerischen Rundfunk wurde bereits darüber diskutiert, Handyscanner oder sogenannte Jammer einzusetzen. Ich sehe uns schon in Einheitsprüfungskleidung und taschenlosen Trainingsanzügen sitzen – ohne Handyempfang, aber mit maximaler Kontrolle.
Ich glaube nicht, dass das die richtige Richtung ist.
Deshalb möchte ich heute ein Gedankenexperiment wagen. Was wäre, wenn wir den entgegengesetzten Weg gingen?
Nicht noch mehr Kontrolle. Sondern Vertrauen.
Die Idee ist einfach: Schülerinnen und Schüler versprechen, in einer Prüfung nicht zu betrügen – auf welche Weise auch immer. Und die Lehrer glauben es ihnen.
Darüber möchte ich heute mit zwei Schülern der Q12 sprechen.
Alexandra Nazarenko
Hallo, ich bin Alexandra.
Jonathan Werner
Und ich bin Jonathan.
Hansjörg Rüthel
Was haltet ihr von dieser Idee?
Alexandra Nazarenko
Ich finde sie auf jeden Fall besser als die Eskalationsspirale, in die wir gerade geraten. Dass man einmal bewusst in die andere Richtung denkt, finde ich gut.
Jonathan Werner
Ich sehe das ähnlich. Ich bin grundsätzlich eher der Mensch, für den Vertrauen vor Kontrolle kommt. Kontrolle kann helfen, eine Situation besser zu überblicken. Trotzdem finde ich, dass man Menschen zunächst einen Vertrauensvorschuss geben sollte.
Hansjörg Rüthel
Wenn ihr die Wahl hättet: Würdet ihr dieses Versprechen abgeben?
Alexandra Nazarenko
Ich glaube schon.
Ich würde dieses Versprechen geben und mich wirklich bemühen, es einzuhalten. Ob das im Schulalltag tatsächlich immer gelingt, weiß ich allerdings nicht.
Jonathan Werner
Eigentlich geben wir dieses Versprechen heute schon – nur eben unausgesprochen. Spicken ist verboten, und jeder weiß, dass Konsequenzen drohen. Der Unterschied wäre, dass man das Versprechen ausdrücklich ausspricht. Dadurch verändert sich etwas. Das eine ist ein Verbot von außen. Das andere richtet sich an das eigene Gewissen. Man denkt selber darüber nach und fragt sich: Warum sollte ich eigentlich betrügen? Diesen Ansatz finde ich deutlich sinnvoller.

Hansjörg Rüthel
Mein Nachdenken geht auch gar nicht in die Richtung, dass es ein allgemeines Schulversprechen geben sollte. Denn in der Tat existiert das heute schon. Nur ist es heute eher ein Spiel – Catch me if you can: Die einen versuchen zu betrügen, die anderen versuchen, sie daran zu hindern.
Die Frage ist, ob individuell manche Klassen mit manchen Lehrern ein Verhältnis finden, dass sie das einander zumuten oder zutrauen. Das müsste dann aber darauf beruhen, dass alle Beteiligten einverstanden sind.
Alexandra Nazarenko
Dafür braucht es sehr viel Vertrauen. Im Moment beruht die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern gar nicht auf Vertrauen und nur auf der Autorität. Nur bei bestimmten Lehrern, die sich in ihrem Unterricht anders verhalten oder uns versuchen auf Augenhöhe zu sehen, könnte ich mir vorstellen, dass so etwas funktioniert. Dann respektiere ich die Person und bringe ihr auch Vertrauen entgegen.
Bei manchen Lehrern könnte ich mir dagegen kaum vorstellen, dass sie sagen würden: Ich vertraue euch jetzt. Dafür ist die Beziehung schon zu „kaputt“. Also ich glaube, dahinter steht diese Frage: Kann ich dir wirklich vertrauen? Das hatten wir so noch nie in der Schulgeschichte. Dieses: Wir vertrauen uns einfach mal.
Jonathan Werner
Ich glaube allerdings auch, dass die derzeitigen Strukturen so ein Modell nur schwer zulassen. Das ganze Schulsystem ist um schriftliche Leistungsnachweise herum aufgebaut. Über sie wird der größte Teil der Leistung bewertet, und alles andere ordnet sich diesem Prinzip unter.
Außerdem ist weder ein Schüler verpflichtet, zu einem Lehrer eine enge Beziehung aufzubauen, noch muss ein Lehrer seine Schüler persönlich mögen. Ihre Aufgabe ist zunächst einmal, guten Unterricht zu gestalten und möglichst individuell auf die Schülerinnen und Schüler einzugehen.
Genau deshalb ist Vertrauen so schwierig. Es wäre immer etwas Individuelles. Jede Klasse müsste gemeinsam mit dem Lehrer entscheiden, ob ein solches Vertrauensverhältnis überhaupt besteht. Das lässt sich nicht einfach auf ein ganzes Schulsystem übertragen.
Das heutige System funktioniert – zumindest organisatorisch. Es ist sicher nicht ideal, und ich würde mir ebenfalls Verbesserungen wünschen. Aber ich glaube, dass eine grundlegende Reform sehr schwierig wäre.

Hansjörg Rüthel
Dazu würde ich gern zwei Fragen stellen.
Du sagst, das System funktioniere. Ich würde behaupten, dass es auf zwei Ebenen gerade nicht funktioniert.
Zum einen wird wahrscheinlich deutlich mehr betrogen, als wir überhaupt mitbekommen. In diesem Sinn erfüllt das Kontrollsystem seinen Zweck ganz pragmatisch nur begrenzt.
Zum anderen funktioniert es nicht auf einer anderen, noch entscheidenderen Ebene. Dazu möchte ich euch etwas Persönliches fragen. Du hast eben gesagt, dass zwischen Lehrern und Schülern Vertrauen fehlt. Kränkt dich das?
Alexandra Nazarenko
Ja – natürlich!
Ich glaube, das Problem ist, dass man im Schulalltag zwar versucht, Dinge nicht persönlich zu nehmen – weder als Lehrer noch als Schüler –, dass das aber nur begrenzt gelingt. Man kennt sich oft seit vielen Jahren. Manche Lehrer begleiten einen schon, seit man zehn Jahre alt ist oder sogar noch früher.
Da entsteht automatisch eine persönliche Beziehung. Ich fände es schön, wenn Schule stärker anerkennen würde, dass es diese persönliche Ebene gibt. Es wäre wichtig, sowohl Lehrern als auch Schülern besser zu vermitteln, wie man mit den Gefühlen umgeht, die dabei zwangsläufig entstehen.
Verstehen Sie, was ich meine?
Hansjörg Rüthel
Ja! Natürlich werden wir immer auf die Institution Schule zurückgeworfen. Sie bildet den organisatorischen Rahmen, den wir brauchen. Trotzdem ist das nur ein Minimum und ich frage ich mich, ob dieser Rahmen allein genügt.
Im Moment begegnen wir uns häufig wie ein Fahrkartenkontrolleur und ein Fahrgast. Das ist keine pädagogische Beziehung.
Wir sind alle Menschen mit Emotionen und trotzdem hat an der Schule auch nicht jede private Emotion unbedingt immer ihren Platz. Wir müssen im Klassenrahmen zusammen funktionieren und wir haben natürlich auch eine gemeinsame Mission und die heißt Lehrplan. Das muss man alles berücksichtigen.
Aber die Frage bleibt trotzdem, ob dieses Verhältnis von Kontrolle und Misstrauen wirklich das Richtige ist. Der Auftrag jeder Schule ist es, Bildung zu ermöglichen. Bildung heißt aber nicht, alle Inhalte zu wissen, sondern es heißt, zu dem Menschen zu werden, der man sein möchte – zu einem Menschen, mit dem man selbst sein Leben lang leben kann und mit dem auch andere gern zusammenleben. Das gelingt, glaube ich, nur, wenn man auf Menschen trifft, die einem nicht nur als Automaten begegnen und Lehrplaninhalte abwerfen.

Hansjörg Rüthel
Ich glaube übrigens nicht, dass ein solches Vertrauensmodell einfach für die Schule per Verordnung eingeführt werden könnte. Aber vielleicht könnte es dort entstehen, wo einzelne Lehrer und einzelne Klassen bereit sind, ernsthaft miteinander darüber zu sprechen.
Deshalb würde mich jetzt konkret interessieren:
Wenn ihr ein solches Versprechen gebt – würdet ihr es auch halten?
Jonathan Werner
Das ist ehrlich gesagt gar nicht so leicht zu beantworten. Ich habe bestimmt irgendwann schon einmal gespickt. Daran kann ich mich heute gar nicht mehr genau erinnern. In den letzten Jahren allerdings eigentlich nicht mehr, weil mir das Risiko einfach zu hoch erscheint. Wenn man erwischt wird, ist die ganze Leistung verloren.
Wenn ich jemandem bewusst ein solches Versprechen geben würde und es anschließend brechen würde, hätte ich wahrscheinlich ein ziemlich schlechtes Gewissen und würde mich nicht gut dabei fühlen.
Allerdings hängt das für mich stark davon ab, wem ich dieses Versprechen gebe.
Gegenüber Freunden oder meiner Familie hätte es natürlich ein ganz anderes Gewicht als gegenüber einer Lehrkraft, zu der ich keine besondere Beziehung habe.
Wenn ein solches Versprechen aber gegeben werden muss und einfach zum normalen Prüfungsablauf gehören würde, wäre es irgendwann nur noch eine Formalität – genau wie heute die Trennwände oder andere Kontrollmaßnahmen. Dann ginge sein eigentlicher Sinn verloren und es wäre nur ein Teil des Prozesses und würde nicht mehr ernst genommen.
Aber wenn es ein von mir gegebenes, ernstes, von Herzen gemeintes Versprechen wäre, das ich dem Lehrer gebe, weil ich dem auch vertraue, dann würde ich mich bestmöglich daran auch halten.
Hansjörg Rüthel
Für mich stellt sich dann aber eine wichtige Frage. Woran würde ich erkennen, ob dieses Versprechen ernst gemeint ist – oder ob es nur eine Formalität bleibt?
Jonathan Werner
Ich glaube, das merkt man schon daran, wie das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern grundsätzlich ist. Mit manchen Lehrern versteht man sich einfach besser. Man hat das Gefühl, sie verstehen einen, man kann offen mit ihnen sprechen und vertraut ihnen.
Natürlich möchte ich keine konkreten Beispiele nennen. Aber ich würde sagen: Bei solchen Lehrkräften würde ich dieses Versprechen ernst meinen. Bei anderen wahrscheinlich nicht.
Dafür gibt es keine feste Regel. Man kann keine Schablone darüberlegen und sagen: Ab hier funktioniert Vertrauen. Das ist eher etwas, das man spürt.
Wenn das Verhältnis nicht gut ist, interessiert mich auch weniger, ob der Lehrer mich mag oder von mir gut denkt. Dann will ich einfach nur durchkommen und dann würde ich es wahrscheinlich nicht ernst meinen.
Hansjörg Rüthel
Wäre es dann nicht anständig, dieses Versprechen in einer solchen Situation gar nicht erst abzugeben?
Alexandra Nazarenko
Wie Jonathan gesagt hat hängt auch für mich alles davon ab, wie die Beziehung zum Lehrer ist. Und sehe das genauso wie Sie es gerade vorgeschlagen haben, ich würde manchen Lehrern das Versprechen geben und ich glaube, ich wüsste dann, dass ich mich dann halte, weil ich die Freiheit dazu hatte.
Ich glaube, genau darin liegt der entscheidende Unterschied.
Sobald daraus wieder ein fester Bestandteil des Systems würde – also nach dem Motto: „Jetzt versprecht das bitte alle.“ –, wäre der eigentliche Sinn verloren.
Dann wäre es wieder etwas, das von außen verlangt wird. Ich glaube, es könnte nur funktionieren, wenn wir als Kurs selbst entscheiden dürften, ob wir einer bestimmten Lehrkraft so weit vertrauen, dass wir dieses Versprechen wirklich ernst meinen.
Natürlich würden einzelne Schülerinnen und Schüler das vielleicht anders sehen. Nicht jeder hat die gleiche Meinung über den gleichen Lehrer. Es würde nur funktionieren, wenn man es individuell als Schüler entscheiden kann, um diese Ernsthaftigkeit zu erreichen.

Hansjörg Rüthel
Ich denke, ein Lehrer, der einen solchen Vorschlag macht, gibt seiner Klasse bereits einen erheblichen Vertrauensvorschuss. Er verzichtet bewusst auf einen Teil der Kontrollmöglichkeiten.
Ich habe ja auch schon ein paar Mal gesagt, dass daraus kein System werden darf. In einem System fühlt sich am Ende niemand persönlich verantwortlich. Verantwortung entsteht nur zwischen Menschen.
Stellen wir uns trotzdem einmal vor, ein Lehrer macht seiner Klasse diesen Vorschlag. Drei Viertel der Klasse möchten das ausprobieren, ein Viertel lehnt es ab. Vielleicht weil bei denen das Verhältnis ein anderes ist oder weil sie so erfolgreiche Trickbetrüger sind und ihre Möglichkeiten nicht aufgeben wollen.
Was würde passieren, wenn der Lehrer dann sagen würde:
„Ich verlasse jetzt für die Stunde den Raum. Diskutiert das untereinander. Ich komme später wieder und ihr sagt mir, zu welchem Ergebnis ihr gekommen seid.“
Was würdet ihr dann machen, wie würdet ihr damit umgehen?
Alexandra Nazarenko
Ich glaube, ich würde zuerst angesichts des Vertrauensvorschusses, den ich da bekomme, mir zuerst selbst die Frage stellen, ob ich dieses Vertrauen überhaupt annehmen möchte. Ich würde nur dann Ja sagen, wenn ich mir wirklich vorstellen könnte, dieses Versprechen auch einzuhalten.
Deshalb würde ich mit den anderen diskutieren. Ich würde fragen, warum sie dagegen sind. Aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich jemanden überzeugen könnte, der von Anfang an sagt: „Auf gar keinen Fall.“ Denn am Ende müsste diese Person selbst einen Vorteil darin sehen. Ich möchte niemandem so etwas aufzwingen.
Jonathan Werner
Ich glaube auch, dass man manche Menschen wahrscheinlich gar nicht überzeugen kann. Trotzdem würde ich versuchen, offen darüber zu sprechen. Ich würde erklären, warum ich der Lehrkraft vertraue, und die anderen würden ihre Gründe nennen.
Meine Hoffnung wäre natürlich, dass wir uns am Ende einigen.
Falls das nicht gelingt, müsste man sich vielleicht tatsächlich an der Mehrheit orientieren. Und selbst dann könnte es passieren, dass einzelne trotzdem spicken, die nicht dafür abgestimmt haben. Aber ehrlich gesagt: Das passiert heute auch schon.
Mich persönlich stört das nicht so sehr. Mir ist wichtiger, dass ich selbst ehrlich geblieben bin und tatsächlich meine eigene Leistung gezeigt habe. Ich hoffe, dass mir das langfristig mehr bringt, als mich mit einer erschlichenen Note besser darzustellen.
Alexandra Nazarenko
Wenn andere betrügen, dann ist das zunächst einmal ihr Risiko. Werden sie erwischt, müssen sie die Konsequenzen tragen. Und selbst wenn jemand betrügt und dadurch eine Eins schreibt, hat das für mich nichts mit meiner eigenen Leistung zu tun.
Natürlich denke ich manchmal: Der hat kaum gelernt und trotzdem eine gute Note bekommen. Aber im nächsten Moment denke ich auch: Ja – aber eben durch Betrug.
Deshalb würde sich für mich auch in unserem Gedankenexperiment nichts ändern. Es wäre mein Gewissen, mein Vertrauen. Ich hätte mich dazu entschieden. Wenn andere spicken und dagegen gehen, hat es immer noch nichts mit mir zu tun, sondern dann bin ich glücklich, dass ich mit der Lehrkraft eine gute Beziehung habe.
Außerdem würde eine Lehrkraft vermutlich ohnehin merken, wenn plötzlich offen betrogen würde. Schon allein die Situation wäre eine andere. Wenn eine Lehrkraft bewusst auf Kontrolle verzichtet, verändert das etwas – auf beiden Seiten.
Und ich glaube, genau das meinen wir die ganze Zeit mit Vertrauen.
Wenn wir sagen: Wir versprechen Ihnen, dass wir nicht mehr spicken, wirklich, wir machen es nicht mehr. Selbst dann, wenn wir im größten Schulaufgabenstress sind und überhaupt nicht mehr wissen, wo oben und unten ist. Wenn wir nicht mehr wissen, wie wir das alles schaffen wollen. Dann hieße das Versprechen ja, dass wir uns eben nichts auf die Hand schreiben, nicht heimlich das Handy herausholen und auch sonst keine andere Möglichkeit versuchen.
Die entscheidende Frage ist dann: Ist dieses Vertrauen und diese Person das wert, dass ich auf diese Möglichkeit verzichte?
Jonathan Werner
Ich finde es ganz kritisch zu sagen, ich ändere meine Werte aufgrund von schlechten Personen. Es wäre problematisch zu sagen: Andere handeln falsch, also darf ich das auch. Das wäre genau die falsche Schlussfolgerung. Gerade weil andere vielleicht betrügen, sollte das für mich kein Grund sein, meine eigenen Werte aufzugeben.
Natürlich wird es immer Menschen geben, die spicken. Aber hoffentlich gibt es auch immer Menschen, die sich bewusst dagegen entscheiden. Das klingt jetzt so dramatisch, aber wenn ich daran nicht mehr glauben würde, fände ich es schwierig, überhaupt noch Vertrauen in andere Menschen zu haben. Dann müsste ich ständig davon ausgehen, belogen oder betrogen zu werden. Deshalb halte ich dieses Grundvertrauen für unverzichtbar.

Hansjörg Rüthel
Darin stecken viele spannende Gedanken. Ich glaube allerdings, dass Jonathans Haltung zwar ethisch sehr reif ist, aber vermutlich nicht von der Mehrheit geteilt würde.
Deshalb möchte ich das Gedankenexperiment noch einmal zuspitzen. Ich würde das so nicht machen – man soll niemanden in Versuchung führen – aber nur mal angenommen: Ich vertraue auf unsere Abmachung, verlasse während der Schulaufgabe den Raum, hole mir einen Kaffee und unterhalte mich zwanzig Minuten im Lehrerzimmer und währenddessen schreibt ihr munter eure Schulaufgabe. Und dann holt einer – in einer Notlage oder warum auch immer – sein Handy heraus, gibt die Aufgaben bei ChatGPT ein und schreibt die Antworten ab.
Was würde dann konkret passieren? Ich kann mir kaum vorstellen, dass die übrige Klasse das einfach zur Kenntnis nimmt und schweigend weiterschreibt.
Alexandra Nazarenko
Doch, genau das glaube ich tatsächlich. Ich bin überzeugt, dass es immer einige geben würde, die von Anfang an sagen: Wenn ihr das versprecht, spicken wir trotzdem. Und wenn das dann während der Schulaufgabe passiert, würde ich wahrscheinlich kurz hinübersehen, denken: Oh mein Gott, mach halt und weiterschreiben. Vielleicht würden manche noch einen Kommentar sagen: Was tust du da? Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand aufsteht, Sie dann holt und sagt: Der spickt, wir haben versprochen, ehrlich zu sein.
Das würde kein Schüler tun. Allein schon deshalb nicht, weil es unter Schülern selbstverständlich ist, niemanden zu verraten.
Jonathan Werner
Ich würde nicht ganz so weit gehen, aber im Wesentlichen sehe ich das ähnlich. Diese Situation kennen wir ja schon heute. Ich habe selbst neben Mitschülern gesessen, die während einer Schulaufgabe gespickt haben.
Hansjörg Rüthel
Ich halte das auch für undenkbar, dass ihr dann den Lehrer holt. Die Frage ist, ob ihr dann zu dem Schüler sagen würdet, hör mal, was du gerade machst, funktioniert nur, weil wir versprochen haben, dass wir alle uns daranhalten. Also du kannst das gerade nur machen, weil wir solidarisch sind mit dir. Natürlich sind Noten auch ein sozialer Vergleich. Also Noten werden auch im Vergleich mit den anderen in der gleichen Klasse gegeben. Das heißt so jemand würde schon auch den anderen schaden. Trotzdem glaube ich selbstverständlich nicht, dass jemand einen Lehrer holen würde. Das ist vollkommen unrealistisch.
Auch deshalb frage ich mich, ob anschließend vielleicht jemand zu mir sagen würde: „Wir nennen keinen Namen. Aber wir haben gemerkt, dass dieses Modell für uns nicht funktioniert.“ Oder ob die Klasse selbst entscheiden würde: „Wir haben es ausprobiert. Jetzt müssen wir zu dem anderen System zurückkehren.“

Hansjörg Rüthel
Das wäre etwas völlig anderes als die Situation heute. Im bisherigen System war Spicken für viele eher ein Spiel: Die Frage lautete: Werde ich erwischt oder nicht? In einem Verhältnis, das auf Vertrauen beruht, würde daraus plötzlich eine moralische Frage. Es ginge nicht mehr nur um einen Regelverstoß. Es ginge darum, bewusst das Vertrauen anderer Menschen zu missbrauchen. Ich glaube, genau darin liegt der eigentliche Unterschied.
Es steckt noch ein anderer Gedanke dahinter.
Ich glaube, Menschen verhalten sich oft so, wie man ihnen begegnet.
Wenn ich jemanden von vornherein wie einen potenziellen Betrüger behandle, dann ist es auch kein moralisches Problem mehr, mich zu hintergehen. Das ist die notwendige Folge davon.
Wo kein Vertrauen gegeben wird, kann auf der anderen Seite auch kaum Vertrauen entstehen. Ich denke, das ist ein wichtiger Gedanke. Und ich glaube, dass wir insgesamt als Schule ganz gut fahren würden unsere Haltung zu überprüfen.

Hansjörg Rüthel
Mich beschäftigt deshalb noch eine andere Frage.
Angenommen, ich schreibe eine schlechtere Note, weil ich auf unerlaubte Hilfsmittel verzichte, obwohl ich die Möglichkeit gehabt hätte. Wie würde ich mich dann fühlen? Würde ich mich ärgern und denken: „Wie dumm war ich?“ Oder würde ich sagen: „Ich habe mein Versprechen gehalten. Das ist mir mehr wert als die bessere Note.“
Alexandra Nazarenko
Ich glaube, das eigentliche Problem ist, dass Schule uns immer wieder vermittelt, unsere Leistung werde ständig mit der anderer verglichen. Es geht immer darum, wie wir im Vergleich zu den anderen abschneiden.
Und genau das finde ich traurig. Man lernt sehr früh, sich mit seinen Noten gleichzusetzen. Das ist auch der Grund, warum dann manche zum Beispiel bei schlechten Noten weinen? Weil du das mit dir gleichsetzt.
Wenn ich eine schlechte Note schreibe, frage ich mich natürlich auch, woran es gelegen hat. Vielleicht hätte ich in einer anderen Situation besser abgeschnitten.
Aber wenn ich KI benutzt hätte, könnte ich mich mit dieser Note gar nicht identifizieren. Ich wäre nicht stolz auf eine Eins.
Jonathan Werner
Ich glaube, das hängt sehr stark mit Selbstvertrauen und Selbstwert zusammen. Wenn ich meinen Wert davon abhängig mache, ob ich gute Noten schreibe, dann ist der Schritt zum Betrügen viel kleiner. Wenn ich mich dagegen nicht ausschließlich über meine Noten definiere, meinen Selbstwert, dann sieht die Sache anders aus. Dann denke ich vielleicht: Ja, das war jetzt einfach blöd. Man kann nicht immer perfekt sein, man kann nicht immer die beste Leistung erbringen. Aber ich habe es trotzdem versucht. Und ich war wenigstens ehrlich dabei. Das heißt, ich kann damit ruhig schlafen.
Natürlich gehört Leistung zur Schule und auch zu unserer Gesellschaft. Ein Arzt muss sein Fach beherrschen. Dafür muss er etwas leisten. Aber gleichzeitig darf auf diesem Weg dahin niemand daran zerbrechen, dass er sich nur über diese Leistungen definiert. Niemand soll glauben, dass er etwas nicht hinbekommt, dass er dann ein wertloser Mensch ist, sondern dass man trotzdem, so wie man selber ist, schon einen Wert hat.
Das so zu sehen, ist für mich auch nicht immer einfach. Und es gibt Leute, bei denen ist es noch viel krasser. Und ich kann das dann fast gar nicht so richtig nachvollziehen manchmal. Aber es tut mir oft richtig leid. Und ich wünschte, dass man helfen könnte. Aber ich wüsste auch gar nicht richtig, wie, um ehrlich zu sein. Außer grundlegend was zu ändern.

Hansjörg Rüthel
Vielen Dank für das offene Gespräch.
Vielleicht sollten Lehrer und Schüler öfter einmal ernsthaft miteinander über relevante Fragen sprechen.
Jonathan Werner
Auf jeden Fall.
Hansjörg Rüthel
Und wir können das ja auch einmal wiederholen.
Vielen Dank euch beiden.
Alexandra Nazarenko
Danke Ihnen auch.
Jonathan Werner
Vielen Dank.

Was meint ihr? Kann man Schule auf Vertrauen bauen? Oder ist das einfach nur eine naive Illusion?
Ich weiß es auch nicht, aber in einer Sache bin ich mir wirklich sicher. Der Beginn von allem liegt darin, dass wir ernsthaft miteinander reden. Denn indem wir das tun, nehmen wir zumindest für den Augenblick vorweg, was eigentlich noch geschaffen werden müsste. Wir sehen einander als Individuen auf Augenhöhe mit je eigenen Ideen, Bedürfnissen und Gefühlen. Und nicht als Rollenspieler in einem System. Daraus kann etwas wachsen.

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das ist wirklich ein interessanter artikel. das thema unterschleif in prüfungen ist leider allgegenwärtig. es gab schon situationen bei mir in der klasse, in denen eine ganze reihe sich während eines tests unterhalten hat und die lehrerin es eigentlich hätte hören müssen. ich halte nichts davon, andere zu verpetzen und ganz ehrlich, es ist auch nicht mein problem – obwohl es natürlich unfair ist – und es liegt bei der lehrkraft, auf so etwas mehr zu achten. ich kann mir leider nicht vorstellen, dass dieses vertrauensverhältnis zwischen lehrer und schüler funktioniert, dafür gibt es zu viele leute an der schule, die sich einen dreck um respekt scheren. aber es wäre natürlich schön, wenn das klappen würde.
der artikel ist jedenfalls sehr interessant und sollte auf jeden fall zum nachdenken anregen.
Echt cool wie ihr das so ehrlich besprochen habt. Eure Gedanken haben auch mich zum denken angeregt. Wie ihr auch schon gesagt habt, denke auch ich, dass KI und Betrug eine Option bleiben werden solange es einfacher ist, damit gute Noten zu schreiben. Oft ist es ja nicht aus bösem Willen heraus, sondern aus Verzweiflung, wenn man nichts verstanden hat oder nicht die Zeit gehabt hat es zu verstehen. Ich denke die meißten würden damit aufhören, wenn sie mehr zu Verlieren, als zu Gewinnen hätten. Um das zu schaffen helfen solche Gespräche enorm. Wie ihr ja schon ausführlich besprochen habt hilft dabei das Vertrauen von Lehrern in Schüler und andersherum in der Schule und das Gewissen, das daraus entsteht. Außerdem sollte es meiner Meinung nach eine klare Haltung von uns Schülern gegen den Einsatz von KI geben. Ich finde Verpetzen hilft nichts und führt nur zu Misstrauen, vielmehr würde ich mir wünschen, dass man klar die anspricht die Vertrauen missbrauchen und ihnen klarmacht, dass wir nicht dahinterstehen. Ich denke ohne triftigen Grund sollten wir das nicht einfach akzeptieren.
Ich habe auch angefangen zu denken und bin noch nicht am Ende …
Doch ein Gedanke im Text stört mich: dass gegebene Versprechen unterschiedlich wert sein können. “Versprochen ist versprochen und wird nicht gebrochen”, sagt der Volksmund. Wie kann dann gesagt werden, “ich würde mich (eventuell) anstrengen, das Versprechen zu halten” ?
Entweder ich halte meine Versprechen generell – dann KANN ich sie geben (natürlich nur freiwillig und wenn die Beziehung zw. Lehrkraft und Schülerschaft passt, wie im Gespräch betont wird).
Oder ich bin mir nicht sicher – dann DARF ich sie nicht geben.
Aber ein Versprechen geben und dann (nur) halten WOLLEN – das halte ich für eingebaute Hintertür.
Wie habt ihr die Bilder gemacht?
Die Bilder ohne Menschen sind wie angegeben KI-generiert, die Bilder mit Menschen sind ursprünglich echte Fotos, die dann mit KI an die “Tusche”-Optik der Zeichnungen angepasst wurden.