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🔊Die Sprache der Pflanzen – Im GesprĂ€ch mit dem Experten Dr. Kai Konrad

20. Juli 2026 8 Mins Read
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Dr. Kai Konrad ist nicht nur Lehrer an unserer Schule, sondern er ist vor allem auch begeisterter Forscher. Seine Entdeckungen in der Pflanzenphysiologie legen den Grundstein fĂŒr ein neues VerstĂ€ndnis der pflanzlichen StressbewĂ€ltigung und Informationsweitergabe. Wie das genau funktioniert, was unser neuer Lehrer herausgefunden hat, wie Optogenetik die Forschung verĂ€ndern wird, welche Rolle die Gentechnik fĂŒr die Zukunft der Klimaforschung spielt und was das mit Raupen zu tun hat, die gegen Nikotin resistent sind, erfahrt ihr hier. Hört rein!

Woran haben Sie geforscht?

Mein Forschungsgebiet ist die Pflanzenphysiologie. Ich möchte verstehen, wie die Pflanze funktioniert. Mein Interesse bestand darin, zu verstehen, wie Pflanzen auf Stress reagieren. Anders als Menschen können Pflanzen natĂŒrlich nicht davonlaufen. Um ihr Überleben zu sichern, mĂŒssen Pflanzen extrem flexibel auf UmwelteinflĂŒsse reagieren können. Meiner Meinung nach ist die Steuerung dieser Mechanismen bei Pflanzen sogar besser ausgeprĂ€gt als bei uns Menschen. Heute weiß man, dass Pflanzen bei Stress Signale erzeugen, die zur Weiterleitung von Informationen innerhalb der Pflanze aber auch fĂŒr die Kommunikation mit anderen Pflanzen, Tieren oder Mikroorganismen verwendet werden. Sie können sogar die Ursache des Stresses „erkennen“. Pflanzen kommunizieren sowohl mit elektrischen als auch mit chemischen Signalen. Trotz ihres fehlendem Nervensystem, denkt man dass Pflanzen mit elektrischen Signalen bestimmte Dinge steuern.

Reaktion einer Mimose auf Stress

Sollte man, wenn Pflanzen „leiden“ können, mehr RĂŒcksicht nehmen?

Man muss sagen, dass Pflanzen natĂŒrlich kein Gehirn haben. Deshalb wĂ€re es absurd, „Mitleid“ mit den Pflanzen zu haben und sie deshalb besser zu behandeln. Es gibt zwar das Forschungsgebiet „Plant Neuroscience“, das sich mit dieser Thematik beschĂ€ftigt, aber es wird von den meisten Forschern belĂ€chelt. Unter Pflanzenforschern herrscht der Konsens, dass Pflanzen keine GefĂŒhle besitzen. Allerdings können sie Informationen speichern. Sie können sich beispielsweise an Stress „erinnern“, was normalerweise mit einem Nervennetz in Verbindung gebracht wird.

Woran haben Sie geforscht? Forschen Sie immer noch?

Reaktion einer Mimose auf Stress, sichtbar durch Optogenetik

Nein, fĂŒr das Forschen habe ich leider keine Zeit. Die Schule nimmt mich sehr in Anspruch. Ich wĂŒrde mich sehr freuen, wenn auch an unserer Schule Forschung zu diesem Thema betrieben wĂŒrde, dafĂŒr braucht es jedoch High-End-GerĂ€te. Vielleicht kann man dieses Problem mit einer Kooperation zwischen dem GymVhh und der Institution, bei der ich vorher gearbeitet habe, lösen.
Ich habe mich darauf spezialisiert, AblĂ€ufe in Pflanzen fĂŒr uns visuell sichtbar zu machen und Pflanzen aktiv zu manipulieren, um die Reaktionen auszulösen. Ich wollte herausfinden, welche Rolle chemische und elektrische Signale isoliert spielen.
Das kann man mit Optogenetik machen. FrĂŒher war es nicht möglich, diese Technik an Pflanzen anzuwenden, aber durch die Zusammenarbeit meiner Forschungsgruppe mit weiteren WĂŒrzburger Teams jetzt schon. Man implantiert hierbei fremde genetisch-codierte optische Rezeptoren, mit deren Hilfe dann durch einen Lichtpuls elektrische bzw. nur chemische Signale erzeugt werden. Diese Signale können durch weitere lichtaussendende Sensoren sichtbar gemacht werden. Dadurch war es möglich zu sagen, was die einzelnen Signale in der Pflanze machen.

Ist das wie eine Sprache der Pflanzen?

Absolut. Wir haben herausgefunden, dass Pflanzen durch eine Kombination von elektrischem und chemischem Signal, nicht aber ein elektrisches Signal alleine, Stoffe abgeben, um miteinander zu kommunizieren. Bei einem Raupenbefall von Tabakpflanzen z.B. erzeugen diese ganz spezialisierte Signale. Normalerweise bekÀmpft die Tabakpflanze Raupen mit der Freisetzung von Nikotin. Wenn aber eine Raupenart gegen Nikotin resistent ist, kann die Pflanze das erkennen und gibt einen Stoff an die Luft ab, der Schlupfwespen, die Fressfeinde dieser Raupen anlockt. Es gibt also ganz unterschiedliche Sprachen innerhalb der Pflanze, aber auch zwischen der Pflanze und ihrer Umwelt, um bestimmte Informationen weiterzuleiten.

Haben Sie weitere Beispiele?

Stellen wir uns ein Feld von Maispflanzen vor. Bei einem massiven SchĂ€dlingsbefall geben sie Hormone an die Luft ab, die den Rest des Feldes “warnen”. Daraufhin reagieren die noch nicht befallenen Maispflanzen mit der Produktion von Bitterstoffen, damit SchĂ€dlinge von ihnen ablassen. Bei dieser Art von Kommunikation entsteht also eine PrĂ€ventivreaktion, die den Schaden deutlich geringer ausfallen lĂ€sst, als wenn diese nicht stattgefunden hĂ€tte.

Wenn Pflanzen so gute Abwehrmechanismen besitzen, mĂŒssten Parasiten dann nicht irgendwann aussterben?

Es besteht immer ein Gleichgewicht zwischen RĂ€uber und Beute. Wenn beispielsweise die Population der RĂ€uber groß und der Beute klein ist, fĂŒhrt das irgendwann dazu, dass die RĂ€uber keine Nahrung mehr finden und daraufhin sterben. Geht die Population der RĂ€uber herunter, kann sich die der Beute wieder vermehren. So entsteht ein Wechselspiel, bei dem eine Seite nur selten wirklich ausstirbt.

Wie nimmt man die Signale der Pflanze durch Optogenetik wahr?

Bei der Optogenetik benutzt man ein Werkzeug, (beispielsweise einen lichtsensitiven Ionenkanal), das bei einer bestimmten WellenlÀnge ein Signal abgibt.
Da Pflanzen im Licht wachsen, war es sehr schwierig, Pflanzen mit diesen Sensoren aufzuziehen, denn im Sonnenlicht wĂŒrden sie dann stĂ€ndig diese Signale erzeugen. Neurowissenschaftler haben dieses Problem nicht, denn dem Gehirn fehlen natĂŒrliche Lichtrezeptoren. Die Lösung war eigentlich ziemlich einfach. Wir haben die Pflanzen in Rotlicht wachsen lassen. Viele der optogenetischen Sensoren sind auf GrĂŒnlicht ausgelegt und werden dementsprechend nicht in diesem Lichtspektrum aktiviert. Gibt man dann zusĂ€tzlich einen grĂŒnen Lichtpuls an einer ganz definierten Stelle, kann man dort gezielt ein elektrisches-, chemisches- oder eine Kombination von beiden auslösen.

Jetzt nachdem wir die Signalentstehung unter Kontrolle hatten, konnten wir Hypothesen prĂŒfen. Meine Hypothese war, dass elektrische Signale das Wachstum der Pflanze/PollenschlĂ€uche steuern. Mithilfe des optogenetischen Tools konnte ich genau das beweisen.
Wenn Tabakpflanzen einem lang-anhaltenden elektrischen Signal ausgesetzt sind, werden sie resistent gegenĂŒber Trockenstress, eine Kombination von elektrischem. und chemischem Signal lĂ€sst die Abwehrmechanismen gegen Fressfeinde „hochfahren“.

Mithilfe dieser Werkzeuge sind also ganz neue Wege geschaffen worden und man kann jetzt Dinge prĂŒfen, die frĂŒher unmöglich zu prĂŒfen waren.

Wie kann man diese Technik anwenden?

Wir haben Grundlagenforschung betreiben. Sie erlaubt uns, Prozesse in den Pflanzen besser zu verstehen. Das ist besonders wichtig in der Landwirtschaft. Hitze- und Trockenstress, der teilweise durch den Klimawandel induziert ist, ist sehr relevant. Um die Probleme zu bewĂ€ltigen, muss man erst einmal verstehen, wie diese AblĂ€ufe ĂŒberhaupt funktionieren. Danach kann man Pflanzen so zĂŒchten, dass sie besser dagegen gewappnet sind, dass sie beispielsweise schneller auf Trockenstress reagieren. Wenn durch Wettervorhersagen eine bevorstehenden Hitzewelle bekannt ist, könnte man vorzeitig durch ein optogenetisch erzeugtes Signal die Pflanzen kĂŒnstlich zum Wassersparen „anregen“. Bei dieser Strategie wie auch bei der Optogenetik kommt Gentechnik zum Einsatz.

Kann man dann eine “Alleskönnerpflanze” erstellen?

Das ist zumindest das Ziel. Allerdings ist Forschung nicht so berechenbar, wie man denkt. Oft kommt etwas ganz anderes heraus, als man denkt. Es gibt konventionelle und moderne ZĂŒchtung. Beide haben das Ziel, die Pflanzen zu optimieren. Wenn man versteht, wie die Pflanze funktioniert, kann man sie auch von außen versuchen zu beeinflussen und zu manipulieren, das uralte Prinzip der ZĂŒchtung in der Agrarkultur.

Ist diese “Optimierung” der Pflanzen, besonders in Bezug auf Gentechnik, ethisch vertretbar?

Meiner Meinung nach sind ethische Aspekte wichtig und haben in der Bevölkerung ein großes emotionales Potential. Es wird viel Panik geschĂŒrt und Halbwissen verbreitet. Gentechnik ist nicht unbedingt “gefĂ€hrlicher” als konventionelle ZĂŒchtung. Trotzdem wird Gentechnik immer gleich als “böse” angesehen, wĂ€hrend gegen konventionelle ZĂŒchtung wenig protestiert wird. FrĂŒher wurden Methoden der Gentechnik verwendet, die gravierende VerĂ€nderungen hervorriefen, aber heute sind wir so weit, dass die VerĂ€nderung der Genetik durch Gentechnik geringer als durch natĂŒrliche Prozesse ist. Wenn man Gentechnik ganz gezielt einsetzt, um beispielsweise diese Signalwege zu verĂ€ndern, hĂ€tte ich kein Problem damit, sie im großen Maßstab anzuwenden.

Hat das ĂŒberhaupt Erfolgspotential auch in Bezug auf Kosten usw.?

Kosten sind weniger das Problem, als es Zeit ist. Man gibt nicht einfach genetisch verĂ€ndertes Material ungeprĂŒft ins Freiland. Niemand weiß zunĂ€chst, welche Folgen die VerĂ€nderung hat. DafĂŒr benötigt es Langzeitstudien, die, wie der Name schon sagt, viel Zeit in Anspruch nehmen wĂŒrden. Es gibt aber auch schon ein gutes Beispiel fĂŒr erfolgreiche biotechnologische AnsĂ€tze. Forscher haben erkannt, dass Menschen in Asien, deren DiĂ€t vorwiegend aus weißem Reis bestand, oft Augenprobleme bis hin zu einer Erblindung hatten. Das konnte man auf den Mangel an Vitamin A zurĂŒckfĂŒhren. “Golden Rice” ist ein gentechnisch verĂ€nderter Reis, bei dem die benötigten Vorstufen von Vitamin A produziert und in den Reiskörnern vorhanden sind. Der Erfinder dieses Reises wollte diesen unentgeltlich an LĂ€nder im asiatischen Raum verschenken, um die gesundheitlichen Probleme in der Bevölkerung zu lösen. Die Regierungen der betroffenen LĂ€nder haben den Reis aufgrund der gentechnischen VerĂ€nderung allerdings nicht angenommen, obwohl das Augenlicht von zehntausenden von Menschen hĂ€tte gerettet werden können.

Wie sehen Sie die Entwicklung von Gentechnik im Alltag? In welchem Zeitrahmen kann man sich diese Entwicklung vorstellen?

Um den aktuellen wissenschaftlichen Fortschritt auch wirklich in der Agrarwirtschaft umzusetzen, dauert es erfahrungsgemĂ€ĂŸ Jahrzehnte. Ich denke, wir werden nicht daran vorbeikommen, die Pflanzen in der Zukunft in irgendeiner Art und Weise zu modifizieren. Sei es fĂŒr eine effizientere Wasseraufnahme, eine bessere Speicherung des Wassers oder einen geringeren Verlust des Wassers an den BlĂ€ttern. Durch die aktuellen KlimaverĂ€nderungen ist ein Wassermangel fĂŒr die Zukunft prognostiziert und es wird schwierig sein ohne diese Methoden damit klarzukommen. Außerdem werden die Pflanzen durch die KlimaerwĂ€rmung geschwĂ€cht, was sie anfĂ€lliger gegenĂŒber SchĂ€dlingen macht. Deshalb mĂŒssen wir sie resistenter machen. Dabei wird die konventionelle ZĂŒchtung keine Option sein, da der Prozess, bis wir die benötigten VerĂ€nderungen damit erreichen, viel zu lange dauern wĂŒrde und nicht mit dem Fortschreiten des Klimawandels mithalten könnte.
Europa hat sehr restriktive gesetzliche Vorschriften, was das Ausbringen von gentechnisch verĂ€nderten Pflanzen betrifft. In anderen LĂ€ndern ist das nicht der Fall. Diese LĂ€nder können jetzt schon viel in den Ausbau und die Erforschung dieser Technologien investieren, was letzten Endes dazu fĂŒhren wird, dass wir in Europa spĂ€ter unser Saatgut von diesen LĂ€ndern kaufen mĂŒssen, weil wir keine andere Wahl haben.

Was hat sie dazu gebracht, Lehrer zu werden?

Ich denke, wenn es keinen Spaß macht, ist etwas verkehrt. Mir ist es etwas langweilig geworden in der Forschung. Außerdem begĂŒnstigen die Strukturen an der Uni keinen sicheren Arbeitsplatz, wenn man Familie hat. Es gibt fast immer nur ZeitvertrĂ€ge auf 1-2 Jahre, was das langfristige Planen mit Familie unmöglich macht. Ich habe das alles in Kauf genommen, weil es wahnsinnig Spaß gemacht hat zu forschen und wirklich sehr interessant ist. Aber die Perspektive bleibt keine besonders schöne, wenn sich im deutschen Wissenschaftssystem nicht etwas Ă€ndert.

Wie kann man sich selbst in diesem Bereich betÀtigen?

Durch Eigeninitiative. Es gibt viele Projekte der Uni, beispielsweise SchĂŒlerlabore, um SchĂŒlerinnen und SchĂŒler mit der Forschung bzw. der Uni in Kontakt zu bringen. Außerdem gibt es bei uns an der Schule die Möglichkeit bei „Jugend forscht“ mitzumachen. Da kann man viele Gleichgesinnte finden und sich mit ihnen austauschen. Aber letzten Endes liegt es an einem selbst, ob man genug Interesse hat, an der Uni nachzufragen oder beim Tag der offenen TĂŒr vorbeizuschauen. Es gibt dort mit Sicherheit niemanden, der vor einem die TĂŒre schließt. Viel eher wird man euch etwas zeigen und erklĂ€ren wollen. Wenn man mit dem Abi fertig ist, folgt bei Interesse das Studium. Dann befindet man sich schon in der Uni und tritt auch mit den Dozenten in Kontakt. Ich wĂŒrde sagen, die meisten sich wirklich nette Leute, mit denen man gut reden kann. Ich hatte selbst schon viele Studenten, die sich bei meinen Forschungsprojekten beteiligt haben. Schon als Student ist man also vorne bei der Forschung mit dabei und bekommt mit, was dort passiert. 

Vielen Dank fĂŒr das spannende Interview!

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