von Elisabeth Knorr
Ein bisschen Farbe auf die Leinwand schmieren und damit ne Millionen machen, das kann ja jeder!
Moderne Kunst wird oft als „Kinderkritzelei“ bezeichnet. Und ich kann es nachvollziehen. Wenn ein Kunstwerk lediglich aus einem Stein oder einem Strich auf Papier besteht, ist das nicht das, was wir von prunkvoll realistischen Gemälden und erstaunlich wahrheitsgetreuen Statuen gewohnt sind. Doch was macht einen Gegenstand eigentlich wertvoll? Ist er erst dann wertvoll, wenn der Künstler Stunde um Stunde in eine möglichst realistische Darstellung der Wirklichkeit investiert hat? Nun ja, die Wirklichkeit gibt es ja schon, vielleicht sollte Kunst also Szenen fern von Wirklichkeit abbilden. Vielleicht soll der Betrachter sein Vorstellungsvermögen gebrauchen und zum Nachdenken angeregt werden. Vielleicht sollte er spüren, wie der Raum sich anfühlt, wie das Kunstwerk auf ihn wirkt. Auch wenn das sich jetzt alles ziemlich schnulzig anhört, könnt ihr mal versuchen, euch darauf einzulassen. Ich will euch jetzt auf eine gedankliche Reise nach Frankfurt ins MMK Tower Museum in die Ausstellung von Trisha Donnelly mitnehmen.


Der Raum der Ausstellung ist ein Bürogebäude, dass die Stadt Frankfurt für 15 Jahre an das Museum vermietet hat. Es herrscht eine Atmosphäre wie in einem Krankenhaus, weiß, steril, und verloren. Die Deckenbeleuchtung ist grell, kalt und weiß, es gibt kein Tageslicht. Ganz anders, als das, was man sonst aus einem Museum kennt. Der Raum selbst ist groß und verwinkelt, man kann nicht sehen, wo das Gebäude anfängt und aufhört. Der Orientierungssinn setzt langsam aus, die Außenwelt ist nicht in Sicht. Eine leichte Panik wird spürbar und genau diese macht sich die Künstlerin zunutze, um genau das Gefühl bei ihren Betrachtern auszulösen, nach dem sie sucht. Bei ihrer Kunst geht es nämlich ausschließlich um das Gefühl, das beim Betrachter ausgelöst wird. Alle Gefühle sind akzeptiert und erwünscht, auch die Panik. Oder noch einmal schön ausgedrückt:
„Die Werke von Trisha Donnelly oszillieren zwischen gegenständlich und abstrakt, gemäß der Materialität und gegen ihre Beschaffenheit, im Sinne des Mediums wie dagegen. Materialität, Form und Medium verlieren ihre vermeintliche Bestimmung. Bei längerer und genauer Betrachtung wird das Reale im Werk erfasst. Die Arbeiten sind das, was sie sind, und sind nicht allein im Bereich des Visuellen.“ (Aus dem Flyer zur Ausstellung)
Statuen mal anders




Müssen Statuen immer kunstvoll gehauene, bis aufs kleinste Detail genaue Abbilder von Menschen sein? Zumindest kennt man das von römischen oder griechischen Skulpturen wie dem “David”. Die Stein und Marmorblöcke hier haben ihren Charme woanders, er liegt in der Vorstellung des Betrachters. Vielleicht ist er Teil eines Podests, wahrscheinlich sollte noch irgendetwas dazugehören, der Rest des Kegels, oder was zum Daraufstellen vielleicht? In seiner Unvollständigkeit und Makelhaftigkeit passt er irgendwie zu dem Raum. Der zweite Stein hat viele Flecken, vielleicht wurde er in einem Maleratelier zwischengelagert. An manchen Stellen ist er kunstvoll ausgekerbt und man kann sich viel in der Form vorstellen. Hier wird die eigene Vorstellungskraft mal richtig auf die Probe gestellt, was in dieser Welt wo keiner mehr sein Hirn einschaltet doch eine nette Abwechslung sein kann. Und selbst wenn man keinen tieferen Sinn hinter dem Stein sehen kann, ist er immer noch ganz nett zum angucken.




Ein weiterer Fakt über die Künstlerin ist, sie arbeitet immer mit „Scraps“, also mit Dingen aus dem Müll oder Rückständen von anderen Kunstwerken. Das sieht man den Steinen oft an, sie haben eine fleckige Oberfläche, sind überhaupt nicht perfekt. Aus den meisten Steinen ist etwas herausgefräst oder geschabt, so genau weiß man das nicht, denn Trisha Donnelly gibt selten Preis, wie sie ein Kunstwerk geschaffen hat.
An den Stellen, wo man in die „Innereien“ des Steins hineingucken kann, kann man seine ursprüngliche Beschaffenheit und Farbe sehen. Eine Metapher auf den Menschen?
“The Secret-ary“


Dieses Kunstwerk, bei dem die meisten sofort „Billig, das kann ich auch“ schreien würden, ist der „Secretary“, eines der wenigen Kunstwerke mit Titel. Im MMK gibt es nähmlich keine Texte oder Erklärungen zu den Werken. Das Wort Secretary kommt vom englischen Secret. Man kann also Geheimnisse darin aufbewahren und von anderen ungesehen, verstecken. Außerdem hat der Tisch eine besondere Form, er schmiegt sich an den Menschen an, der an ihm sitzt. Das Material Holz, welches hier verwendet wurde, ist in dieser, vom Stein dominierten Ausstellung einzigartig.
Was anderes als Stein

Auch ein Bild und ein animiertes Video sind auf dem Rundgang zu finden. Beide sind abstrakt gehalten und ergeben auf den ersten Blick sehr wenig Sinn. Auch hier weiß man nicht, welche Techniken die Künstlerin verwendete, um diese Resultate zu erzielen. Das Bild erinnert an einen Rorschachtest (Methode der Psychologie, bei der der Patient in ein abstraktes Bild etwas hineininterpretieren muss) oder die beiden Flügel eines Engels.
Interessant ist, dass das Glas, in das das Bild eingefasst ist, größer ist als das Bild selbst. Das Kunstwerk umfasst also mehr als nur das Bild, nämlich noch ein großes Stück kahle weiße Wand dazu.
Das Video wirkt auf mich ein bisschen verrückt, eine wilde Kombinationen aus Farben und Formen. Vielleicht wie das Bild auf einem Fernseher, wenn er kein Signal hat, oder wie wenn man eine festhängende Schallplatte visualisieren würde. (Modernere Beispiele hab ich leider nicht.) Ihr seht, eurer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt und anders als bei klassischer Kunst wird euch nicht alles zugeworfen, sondern ihr müsst selbst ins Denken kommen, um vielleicht nicht gerade den Sinn, aber vielleicht irgendetwas zu verstehen.
Konnte ich euer Interesse wecken?
Hoffentlich konnte ich euch inspirieren, offener für ungewohnte oder ungewöhnliche Kunst zu sein, denn es schadet einem selten, Neues auszuprobieren und seinen Horizont zu erweitern. Ein Tipp von mir: Bucht euch eine Führung und lasst euch die Kunstwerke so näher bringen. An dieser Stelle Props an Mike, der unsere Führung im MMK Tower in Frankfurt gemacht hat. Er hat es geschafft, uns für Dinge zu begeistern, die wir sonst nur belächelt haben und hat uns gezeigt, wie man moderne Kunst verstehen und betrachten sollte! Wenn ihr jetzt auch Lust bekommen habt (und auch wenn nicht), schaut doch mal hier vorbei:
Titelbild von Fons Heijnsbroek auf Unsplash
Schönheitskorrektur:
David ist von Michelangelo.
Zwar nach antikem Vorbild, aber halt nicht antik römisch oder griechisch. 😉
Danke, versuch ich mir zu merken 😉